Ruhig Blut - Umgang mit Wut

Den Wecker überhört, Gewitter am Morgen, das Auto springt nicht an, der Bus fährt vor der Nase weg, nicht zu vergessen: der Streit mit dem Partner heute morgen und das Tüpfelchen auf dem „i“: Der Laptop streikt während einer wichtigen Präsentation.

Manche Tage bringen Situationen mit sich, an denen sich scheinbar alles gegen Dich verschworen hat. Hier heißt es, ruhig Blut zu bewahren, damit sich die einzelnen Faktoren nicht zu einer Wutlawine summieren.

Was ist Wut?

Wut ist die Schwester von Ärger, nur in einem größeren und kräftigerem Ausmaß. Wut treibt Adrenalin nach oben und vermag ungeahnte Kräfte zu mobilisieren.

Klare Gedanken lassen sich kaum fassen, Muskeln verspannen sich, der Blutdruck steigt, der Körper wird in Aktionsbereitschaft versetzt.

Wutgefühle sind nicht immer zum Umarmen gedacht – oftmals zum Ärgernis der Mitmenschen. Denn sie können Reibung, Konflikte und destruktives Verhalten verursachen. Und mangelnde Wertschätzung oder Respektlosigkeit nach sich ziehen.

Gleichzeitig sind für den Betroffenen selbst die freigewordenen inneren Energien nicht immer leicht zu managen.

Manche wütende Menschen meinen sogar, es sei in Ordnung, ihrer Wut Ausdruck zu verleihen, um sich Respekt zu verschaffen. Zusätzlich wünschen sie sich von ihren Mitmenschen Verständnis und rechtfertigen sich: „So bin ich halt. Ich bin ein emotionaler Mensch.

Diesen Irrtum gilt es aufzulösen.

Wut ist ein natürliches Gefühl und Teil unseres Lebens. Niemand ist immer streichel weich. In unserer Gesellschaft ist Wut dennoch meist ein unerwünschtes Gefühl.

Wie oft werden bereits Kleinkinder dafür gerügt oder bestraft, wenn sie vor Wut brüllen oder in den Boden stampfen. „Geh sofort in Dein Zimmer! Mama hat Dich nicht mehr lieb, wenn Du Dich so verhältst! Schäm Dich!“ So lernen Kinder, Wutgefühle zu unterdrücken, weil sie erfahren, dass dieses Verhalten nicht erwünscht ist.

Wer im Kindesalter nicht lernt, mit seiner Wut umzugehen, tut sich ebenso als Erwachsener schwer damit.

Wie entsteht Wut? Woher kommt sie?

Wie entsteht Wut

Wut, Freude, Sorge, Trauer und Angst – die Buntheit der Gefühle. Wir kennen sie alle, sie sind unsere täglichen Begleiter. Gefühle fallen nicht vom Himmel und tauchen auch nicht aus dem Nichts auf.

Gefühle, so auch die der Wut, sind das Produkt unserer Gedanken.

Die meisten Menschen sind sich dieser Tatsache nicht bewusst, dass sie selbst ihre Gefühle erzeugen. Woher kommt dieser Irrglaube? Aussprüche wie: „Du machst mich wütend!“ lassen dies vermuten. Doch die Annahme ist nicht korrekt.

Die Wahrheit ist: Wir sind über unsere Gefühle selbst verantwortlich. Und das ist gut so. Denn sonst würden wir leicht zum Spielball unserer Mitmenschen werden.

Wir könnten uns beispielsweise nicht freuen, wenn andere dies nicht zulassen wollen.

Je nachdem, wie man eine Situation interpretiert bzw. bewertet, entstehen die Gefühle. Das erklärt, warum nicht alle Menschen auf ein und dieselbe Situation gefühlsmäßig gleich reagieren.

Wut entsteht durch die Interpretation: „Das ist falsch. Dein Verhalten entspricht nicht meinem Wertesystem.“

Wut steckt an.

Wie oft kommt es vor, dass man gut gelaunt auf einen wütenden Menschen trifft und selbst Feuer fängt und dieses Aufeinandertreffen in einer hitzigen Debatte endet?

Die Schwester von Ärger – Wut. Wann wird Wut problematisch?

Wir dürfen wütend sein, wenn das neue Auto einen Kratzer bekommt, der Teppich einen Rotweinfleck hat oder ein Vertragsabschluss nicht zu Stande kam. Derartige Gefühlsreaktionen sind durchaus angemessen.

Auch wenn sie eine innere Wirkung zeigen, sind sie nicht gesundheitsgefährdend.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sind Gefühle in einem weitaus höheren Ausmaß an Krankheiten beteiligt, als wir das im Westen für möglich halten.

Gefühle können sich dann negativ auf die Gesundheit auswirken, wenn sie lange anhalten, intensiv sind oder sie unterdrückt werden. In diesem Fall wird der Qi-Fluss blockiert und die Energie kann nicht mehr ungehindert durch die Meridiane (Leitbahnen) fließen.

Jedes Gefühl ist mit einem Organpaar verbunden.

Egal, um welches Gefühl es sich handelt, jedes zu viel oder zu wenig ist auf Dauer schädigend. Denn die Organe können nicht mehr optimal mit der Energie versorgt werden und dies beeinträchtigt sie in deren Funktion.

Wut wirkt auf den Funktionskreis der Leber/Galle aus.

Gibt es eine Disharmonie in einem Funktionskreis, pflanzt sich diese weiter fort und die übrigen vier Funktionskreise geraten langfristig ebenfalls in eine Disharmonie.

Wer kennt es nicht, dass man Sodbrennen oder Magendrücken bei zu viel Ärger bekommt?

Wut wird außerdem zum Problemfall, wenn jemand die Kontrolle über seine Wut verliert und sie in Aggressivität endet. Betroffene sollten sich nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Was tun, wenn Dich die Wut überkommt?

Was tun gegen die Wut

Am liebsten würde man die Wut wegdrücken. Kurzfristig mag es zwar gelingen, dass man die Wutgefühle ignoriert und über sie hinweg lächelt.

Langfristig ist das jedoch nicht möglich.

Die Wut brodelt im Inneren weiter, und irgendwann bricht sie aus. Meist reicht ein kleiner Reiz, ein falsches Wort und dann gibt es kein Halten mehr. Der Druck entweicht explosionsartig.

Hier können sehr unschöne Szenen bis hin zu Gewalt entstehen. Im nachhinein bereuen viele ihre Ausbrüche und die verletzenden Worte.

Immer wieder beteuern sie, wie leid es ihnen tut und entschuldigen sich. Doch vermag das meist nicht die Wunden zu heilen, die entstanden sind durch die verbalen Attacken.

Wie gerne würde man in vermeintlich ärgerlichen Situationen innere Gelassenheit bewahren.

Der Umgang mit Wut will erlernt werden. Mit seiner eigenen Wut umzugehen und sie sozial verträglich auszudrücken, ist ein Prozess.

Sicherlich kennst Du derartige Situationen: Gerade in den unpassendsten Momenten und scheinbar wie aus heiterem Himmel fühlst Du Dich wie ein Schnellkochtopf, der kurz vor dem Explodieren steht.

Es ist, als ob ein Lichtschalter im Inneren angeknipst wurde. Nichts sehnlichster wünschst Du Dir als kaltes Wasser. Doch meist ist niemand da, der Dich kühlt, damit der innere Druck nachlässt.

Wie gerne würdest Du Dich in solchen Momenten verkriechen. Das ist nur zu verständlich, jedoch oft nicht möglich.

Gedanken sind zwar rasent schnell. Und manchmal gar nicht zu erkennen – zumindest für Ungeübte.

Wir können lernen, die Gedanken hinter den Gefühlen zu erkennen, und lernen, in uns hineinzuhorchen. Und wir können lernen, neue Gedanken zu formulieren.

Gespräche mit einer kundigen Person, oder die Gedanken aufzuschreiben im Freewriting-Stil sind bewährte Methoden, um Gedanken sichtbar zu machen, und sind zugleich ein Schlüssel zur Veränderung.

Den Kopf freireden oder freischreiben – treffender lässt sich die Methode nicht bezeichnen. Wir können lernen, herauszufinden, worum es in Wahrheit geht.

Was verbirgt sich hinter der Wut? Manchmal staunt man, was sich hier im Inneren abspielt.

Nicht zu bewerten, sich nicht zu schämen was alles an Tageslicht kommt, sind wesentliche Grundsätze. Sowohl beim Reden als auch beim Aufschreiben bekommt man einen Einblick in die Seele, und Unbewusstes wird bewusst.

Nur was bewusst und bekannt ist, lässt sich verändern. Neue und nicht bewertende Gedanken verankern sich peu à peu.

Was tun bei Wut?

Die Lösung ist einfach und gleichzeitig schwer umzusetzen: lernen, sich selbst abzukühlen um seine Wut dadurch zu kanalisieren.

Ich meine damit nicht, sich die Wut schönzureden oder sie ignorieren, sondern achtsam mit ihr umzugehen. Achtsam im Umgang mit sich selbst und mit den Mitmenschen zu sein.

Und somit lernen, im Meer der Wut zu schwimmen, und nicht darin unterzugehen. Dann ist man ihr nicht weiter hilflos ausgeliefert oder fühlt sich nicht weiter von ihr beherrscht.

Auch geht’s nicht darum, Fehlverhalten zu tolerieren und es unter den Teppich zu kehren. Sondern das Problem mit innerer Gelassenheit anzusprechen, ohne das Gegenüber verbal abzuwerten.

7 Schritte zu mehr Gelassenheit:

  • Wut wahrnehmen
  • kurz innehalten
  • innerlich einen Schritt zurücktreten
  • bis 10 zählen oder mehrmals tief durchatmen
  • Problem beim Gegenüber belassen
  • Wut zu einem geeigneten Zeitpunkt hinterfragen
  • Problem bzw. Fehlverhalten ansprechen

Umsetzung der 7 Schritte an einem Beispiel:

Der Leiter der Marketingabteilung kommt 30 Minuten zu spät zu einem Meeting. Heute steht die Planung der Marketingstrategie der kommenden Frühlingssaison an.

Verena ist Leiterin des Controllings und Teilnehmerin des Meetings. Verena spürt, wie Wut in ihr aufsteigt und von Minute zu Minute zunimmt. Ein kurzes Innehalten hilft ihr als erste Sofortmaßnahme.

Verena nimmt sie wahr, akzeptiert sie, reagiert jedoch nicht auf sie. Sie tritt innerlich einen Schritt zurück.

Das hat den Sinn, zu ihr selbst zurückzukehren, professionell handlungsfähig zu bleiben um nicht ihren Gefühlen ausgeliefert zu sein. Ansonsten könnten ihre Gedanken mit wütender Stimme geäußert werden:

Was glaubt der Herr Marketingchef eigentlich, wer er ist? Lässt uns warten – ein respektloses Verhalten!“ Verena weiß, es ist nicht ratsam, mit Wut im Bauch den Leiter der Marketingabteilung verbal zu attackieren.

Lieber atmet Verena mehrmals tief durch und sagt sich: „Immer schön cool bleiben“. Und sie macht sich erneut bewusst: Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um zu reagieren.

Derzeit ist das Meeting wichtig. Mit der Distanz verliert das Gefühl an Schärfe. Das Problem belässt Verena bei ihrem Kollegen.

Möglicherweise gibt es einen wichtigen Grund, warum sich der Kollege verspätet – ein unaufschiebbares Telefonat, er wurde aufgehalten etc.

Sport, ein Spaziergang nach dem Meeting, ein gemütliches Abendessen helfen Verena die freigesetzten Stresshormone weiter abzubauen.

Zu einem geeigneten späteren Zeitpunkt denkt Verena über das Meeting und ihre hochkommende Wut nach. „Was machte diese Situation mit mir? Warum reagierte ich so?

Vor allem dann, wenn sich die Wut nicht verflüchtigt und noch Stunden oder Tagelang anhält, hat das mehr mit Verena zu tun, als ihr vielleicht lieb ist. Der Kollege hat einen roten Knopf gedrückt, und im Unbewussten wurde „etwas“ in Gang gesetzt.

Eine Analyse der Situation unterstützt Verena, Antworten zu finden:

  • Hat meine Wut mit der Situation zu tun oder mit dem Kollegen?
  • Hat meine Wut mit meinen eigenen Grundsätzen, meinen eigenen Wertvorstellungen zu tun? Beispielsweise: Niemand darf zu spät kommen und Unpünktlichkeit finde ich respektlos.
  • Hat meine Wut mit meiner eigenen Vergangenheit zu tun? Mutter oder Vater forderten beispielsweise Pünktlichkeit ein und es gab Strafen bei Verspätungen.

Verena kann die Situation sowohl alleine analysieren oder mit einer Person ihres Vertrauens darüber sprechen.

Verena wurde durch die Situation bewusst, dass die Verspätung eines Kollegen einen Stein ins Rollen brachte. Hier kann Verena ansetzen und Effekte zur persönlichen Weiterentwicklung finden.

Verena erkennt Zusammenhänge. Natürlich kann Verena in Zukunft ab und zu bei Verspätungen ärgerlich reagieren, denn es dauert seine Zeit, bis sich neue Gedanken (neutrale Gedanken) verankern.

Die alten bewertenden Gedankengänge liefen vielfach unbewusst in Dauerschleife ab.

Verspätete sich der Leiter der Marketingabteilung in der Vergangenheit bereits des öfteren, kann das für viel Unruhe in Team sorgen, nicht nur bei Verena.

Für ein gutes Miteinander ist es ratsam, dass der Vorgesetzte das Thema „Pünktlichkeit“ in ruhiger Art und Weise unter vier Augen mit dem Leiter der Marketingabteilung anspricht.

Ich weiß, in der Theorie klingt manches einfach. Es im alltäglichen Gebrauch umzusetzen, ist eine andere Sache. Auf alle Fälle lohnt es sich, dranzubleiben.

Über die Verfasserin

Doris Wieser

Mag. Dr. Doris Wieser ist Autorin und Wirtschaftspädagogin. Schule prägt ihr Leben. In ihren Büchern gibt sie Wissen auf eine andere Art weiter als im Klassenzimmer beim Unterrichten. Es sind Bücher zur Schule des Lebens.

Sie informiert ihre Leser über interessante Themen zu Persönlichkeitsentwicklung, Lehren und Lernen.

Doris freut sich, wenn Du die Zeit findest, eines ihrer Bücher zu lesen und den einen oder anderen inspirierenden Impuls darin zu entdecken.

Hier geht’s zu ihren Büchern:

 

 

 

 

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