Fördert den Mittelstand und KMU statt Startups, Vanessa Weber Artikel

Auch der Mittelstand kann Innovation: Warum investieren Beteiligungsgesellschaften und Privatinvestoren dann nur in Start-ups? Artikel von Vanessa Weber

Immer wieder lese ich vom „angestaubten Mittelstand“ – ich kann es nicht mehr hören. Ich habe viel Kontakt zu anderen Führungspersönlichkeiten aus KMUs und sehe so großen Innovationsgeist und aufgeschlossene Nachfolger, die die bisherigen Unternehmensphilosophien völlig auf den Kopf stellen.

Der patriarchische Führungsstil, der uns häufig nachgesagt wird, ist in den meisten Fällen ein Relikt aus der Vergangenheit. Wir sind in der nächsten Generation des Mittelstands angekommen – und haben uns auch das Thema Innovation auf die Agenda geschrieben.

Warum sollten Start-ups besser sein als KMUs?

Die Lust an Neuem, der Mut zum Risiko, agile Unternehmensführung – das sind allerdings Eigenschaften, die meist Start-ups zugeschrieben werden, dabei leben viele KMUs genau das: Sie machen nur nicht so eine große, laute Show darum. Besonders problematisch daran finde ich, dass Förderprogramme, Venture-Capital-Gesellschaften und Business Angels scheinbar lieber junge, unerfahrene Unternehmen unterstützen, statt jene zu fördern, die schon eine solide Basis mitbringen.

Wenn ich als mittelständische Unternehmerin also in eine Entwicklungsabteilung, Datenanalyse, KI und Co. investieren möchte, stehe ich damit alleine da, bleiben mir viele Türen verschlossen, während Start-ups Hunderte Tausend Euros einsammeln – dem derzeit billigen Geld sei Dank.

Vanessa Weber, Weber Werkzeuge

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Fördert den Mittelstand

Mir fehlt in diesem Land wirtschaftspolitisches, gesellschaftliches und volkswirtschaftliches Verständnis für den Mittelstand – dabei sind die KMUs doch der Nährboden unserer Wirtschaft und dabei häufig viel nachhaltiger unterwegs.

Hier stehen, wie ich selbst, die Unternehmer, auch wenn das abgedroschen klingen mag, noch mit ihrem eigenen Namen in der Verantwortung. Und natürlich gibt es auch ambitionierte Start-up-Gründerinnen und Gründer, die Unternehmen für die Zukunft aufbauen wollen.

Ein großer Teil der Neu-Gründer ist jedoch auf einen schnellen Exit aus. Schnell groß werden, Marktanteile sichern und dann für viel Geld wieder verkaufen – was dann mit den Mitarbeitern oder der Branche passiert, ist vielen scheinbar egal. Mir kann niemand erzählen, dass das eine nachhaltige Unternehmensführung sein soll.

Erfolgreich ja – aber auch ethisch korrekt?

Um ein Beispiel aus meiner Branche zu nennen: Vor einiger Zeit tauchte plötzlich ein Unternehmen auf dem Markt auf, dass wie ein Amazon für Werkzeuge funktionierte, also mit Online-Shop, schnellem Versand und mit Preisen, die unter dem Einkaufspreis lagen.

Da konnte kein Händler mithalten. Natürlich sichert man sich so Marktanteile, aber kann natürlich keine schwarzen Zahlen schreiben. Wenn ich also absichtlich unter dem Marktpreis verkaufe, um mir Marktanteile zu sichern, dann ist das meines Erachtens das Gegenteil einer nachhaltigen, ethisch korrekten Unternehmensführung. Es ist sogar auf lange Sicht gesetzwidrig.

…und auf dem Weg dahin viele kleine Händler platt gemacht

Das besagte Unternehmen hat dann für 82 Millionen Euro verkauft, also einen klassischen Exit hingelegt – und auf dem Weg dahin viele kleine Händler platt gemacht. Natürlich kann man argumentieren, die alt Eingesessenen hätten den Fortschritt verpennt und eben keine guten Online-Angebote geschaffen. Toys’r’us lässt grüßen.

Diese Sichtweise kann ich durchaus nachvollziehen. Aber die Methode, mit nicht tragbaren Preisen in den Markt einzudringen, nur um kurzfristig alle anderen auszustechen, finde ich nicht vertretbar. Genauer: Es ist in Deutschland auf Dauer verboten. Mir fällt hier kein einziger Sachgrund ein, warum es hier zulässig sein soll. Euch?

Eben deshalb ist es oft so problematisch, wenn der Fokus auf dem Exit liegt, das Start-up mit VC-Kapital vollgestopft wird, aber gar kein nachhaltiger Betrieb aufgebaut werden soll, der Arbeitsplätze schafft oder sich für die Standortsicherung einsetzt. Umso schlimmer wiegt das in Zeiten von Inflation und billigem Geld. Am Ende bereichern sich SPACs (Special Purpose Acquisition Company) und sonstige Finanzjongleure, aber was hat die Gesellschaft insgesamt davon?

Nachfolge statt Neugründung

Nachfolge statt Neugründung

Und noch einmal: Frische Energie und innovative Geschäftsideen haben auch mittelständische Unternehmen und haben so das Potenzial, den Standort Deutschland zukunftsfest zu machen. Sicher, wir müssen lernen, uns besser zu verkaufen. Raus aus dem verschwiegenen Familien-Kokon und raus in die Welt der Fuck-up-Nights und Pitches.

Besonders interessant finde ich aber das Thema Nachfolge. Warum immer gleich gründen, wenn ich auch ein Unternehmen übernehmen kann, das schon Strukturen hat, eine Infrastruktur und einen Kapitalboden? Deutsche Familienunternehmen sind übrigens gerade da spitze, wo es am dringendsten gebraucht wird: Bei der Fertigung von klimaschonenden Technologien.

Liebe Jungunternehmerinnen und Unternehmer: Im Start-up müsst Ihr alles von der Pieke neu aufbauen, jede Rechnung am Anfang selbst schreiben, überhaupt erstmal gute Mitarbeiter finden. Wenn Ihr jedoch ein mittelständisches Unternehmen übernehmt, können Werte und Tradition mit Innovationsgeist zusammenkommen.

Das ist doch die perfekte Kombination! Seid nicht abgeschreckt, weil Ihr denkt, dass in den KMUs immer alles in Familienhand bleibt. Dieses Klischee löst sich immer weiter auf, weil auch die Kinder von Unternehmern häufig leider doch etwas anderes machen möchten.

Buchtipp der Redaktion: Nachfolge im Familienunternehmen: Wie Sie den Generationenwechsel strategisch planen und praktisch umsetzen

Gemeinsam innovativ in die Zukunft

Mit Blick in die Zukunft sehe ich trotz allem viel Positives. Immer mehr Start-ups setzen verstärkt auf Nachhaltigkeit und persönliche Werte, statt auf das schnelle Geld. Gleichzeitig entwickelt sich der Mittelstand kontinuierlich weiter. Langfristig glaube ich, dass hier sinnvolle und sehr zukunftsfähige Geschäftsmodelle entstehen können, wenn Start-ups und KMUs viel mehr Hand in Hand arbeiten.

Junge Unternehmer können sich an Traditionsbetriebe andocken, anstatt ganz alleine zu gründen, KMUs können sich gezielt an Start-ups wenden, die das eigene Geschäftsmodell ergänzen.

Die Möglichkeiten sind groß, wenn wir den Fokus auf ein produktives Miteinander legen – und Investoren erkennen, dass auch im Mittelstand viel Innovationspotenzial schlummert.

Autorin: 
Vanessa Weber, Weber WerkzeugeVanessa Weber I Webseite I LinkedIn I Xing 
CEO Werkzeug-Weber und Vortragsrednerin „Die Stimme der KMU´s“

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