Tina Teucher

Nachhaltigkeit ist ein Konzept, das sich auf die Entwicklung von Produkten, Waren und Dienstleistungen bezieht. Während die meisten Menschen es mit der Umwelt in Verbindung bringen, kann Nachhaltigkeit in verschiedenen Kontexten untersucht werden. Mehr darüber erzählt uns Wirtschaftsberaterin Tina Teucher.

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Tina Teucher stärkt seit 12 Jahren das nachhaltige Wirtschaften in Unternehmen.

Als Rednerin, Autorin und Beraterin bringt sie zukunftsorientierte Strategien und Maßnahmen in Organisationen und fördert konkrete Kooperationen als „Sustainable Matchmaker“.

Sie ist Mitgründerin der Future Cooperative für nachhaltiges Leben in Städten und engagiert sich im Gesamtvorstand von B.A.U.M., dem Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften und in der Jury von Green Brands.

Tina Teucher: „Sprache lag mir, aber dieses tolle Werkzeug wollte ich nicht für jeden Mist einsetzen.“

Beschreibe Dich bitte mit drei Worten
  • optimistisch
  • Brücken
  • Bauen
Welche festen Rituale oder Routinen im Leben hast Du?
  • Dankbarsein
  • Singen
  • Zähneputzen
Erzähle uns von Deiner Arbeit und womit genau Du das Leben der Menschen bereicherst/besser machst.

Tina Teucher: Die guten Lösungen, die es heute schon für ein lebenswertes Morgen gibt, sichtbar machen – das ist meine Leidenschaft.

Ich bringe die Ideen und Innovationen auf die Bühne als Speakerin, moderiere Veranstaltung rund um Zukunftsfähigkeit, schreibe Artikel über nachhaltiges Wirtschaften und begleite Unternehmen auf ihrem Weg der sozial-ökologischen Transformation.

Wenn das was Du tust Deine Berufung ist, wie bist Du dazu gekommen?

„Werbung für das Gute machen“ wollte ich als Kind. Sprache lag mir, aber dieses tolle Werkzeug wollte ich nicht für jeden Mist einsetzen.

Das Wort Nachhaltigkeit kannte ich damals noch nicht.

Im Laufe meines Studiums der Kultur- und Literaturwissenschaften machte ich dann mit dem Konzept Bekanntschaft, forschte dazu und arbeitete beim Fundraiser-Magazin sowie beim Wirtschaftsmagazin-Forum „Nachhaltig Wirtschaften“.

Magst Du uns Dein schönstes Erlebnis vorstellen? Was genau hat dich berührt und motiviert?

Einer meiner Kunden – ein IT-Unternehmen aus der Schweiz – schrieb mir 2 Jahre nach meiner Beratung in seinem Team.

Sie haben enorm viele Ideen, die wir gemeinsam entwickelt haben, umgesetzt.

Zum Beispiel pflanzen sie für jeden Kunden, der auf einen Papierbericht verzichtet, einen Baum. Sie haben ihr Abfall- und Recycling-Konzept überarbeitet. Sie haben von eigenen Servern auf ressourcenschonende Cloud-Dienste umgestellt und nutzen selber kein Papier mehr.

Vor allem aber hat unser Dialog auch persönlich etwas verändert: Sie fahren nur noch extrem selten Auto, dafür größtenteils mit dem Zug.

Geschichten von solchen Entwicklungen geben mir auch in finsteren Momenten des nagenden Zweifels („mache ich einen Unterschied?“) wieder neuen Mut.

Tina Teucher: „Es ist ein Fehler zu denken, dass die Herausforderung einer nachhaltigen Entwicklung allein von Einzelnen gelöst werden kann. Dafür müssen möglichst viele zusammenarbeiten.“

Tina Teucher Wirschatfsberaterin

Foto: Manu Theobald

Welche Top 3 Tipps & Methoden bringen Dir echte Ergebnisse im Business-Alltag oder erleichtern Dir Deine Arbeit am meisten?

OneNote (organisiert einfach alles bestens und die Notes sind schnell auffindbar).

Überhaupt den Computer im Griff haben: Superschnelles Zehnfingertippen, Shortcuts kennen, Regeln im Emailprogramm einstellen, sinnvolle Ordnerstrukturen und Dateinamen, wissen wo was ist.

Yes-Mentalität.

Erstmal alles Neue, jede Idee, jede Möglichkeit dankbar umarmen. Dann schauen, wo sie sinnvoll anknüpfen kann. Und so dem Universum signalisieren: Ich bin offen für alles Schöne.

Stimmtraining.

Gerade als Frau nicht rumpiepsen oder gepresst reden, denn das stresst auch die Zuhörer*innen. Sie spüren das über die Spiegelneuronen förmlich im eigenen Kehlkopf und fühlen sich dann unwohl, wenn Frau mit Piepsstimme spricht.

Lieber schon morgens beim durch die Wohnung laufen ein bisschen summen und beim Sprechen bewusst die Stimme erden.

Sätze mit Tonfall nach unten beenden, damit das Hirn des Gegenübers nicht einer endlosen Aufzählung rastlos folgen muss, sondern das Gehörte verdauen kann.

Was sind die häufigsten Fehler bei Nachhaltigkeit?

Tina Teucher: Ganz klar – Nicht anfangen, weil eh alles sinnlos oder zu komplex erscheint. Wenn die Chinesen jeden Tag ein Kohlekraftwerk bauen, was kann ich dann schon mit einem Wechsel zu Ökostrom ausrichten?

Sofern selbst Elektroautos die Umwelt beim Rohstoffabbau verschmutzen, wie soll ich denn dann überhaupt von A nach B kommen?

Wenn in jedem Stück Schokolade Kinderarbeit steckt, wo bekomme ich denn dann in meinem eigenen harten Alltag wenigstens noch meine entspannende mini-Belohnung her?

Das Thema „Nachhaltigkeit“ stresst die Leute erstmal: Schlechtes Gewissen und Schuldgefühle plagen sie, außerdem Angst was falsch zu machen oder es sowieso nicht richtig machen zu können.

Hinzu kommt das Image, dass nachhaltiges Handeln irgendwie uncool ist: Jutesack-Kleidung, Ökolatschen, Verzicht, labbrige Sojagrillwurst. Das alles führt dazu, dass man gar nicht erst anfängt, statt auch die kleinen Schritte zu feiern und zu erkennen, dass ihre Summe richtig was bewegt.

Außerdem neigen wir in Deutschland zum Fingerzeigen: Ach, Du willst also 30 Tage vegan essen, ja? Aber Du trägst doch noch Lederschuhe!

Statt uns gegenseitig zu ermutigen, zu motivieren und von kleinen Erfolgen zu erzählen, schmieren wir uns lieber aufs Brot, was noch nicht perfekt läuft. Der Idealismus macht aber angreifbar und bremst uns als Gesellschaft aus. Lieber jeden Tag einen kleinen Schritt machen, aber dafür jeden Tag.

Allerdings ist es auch ein Fehler, zu denken, dass die Herausforderung einer nachhaltigen Entwicklung allein von Einzelnen gelöst werden kann. Dafür müssen möglichst viele zusammenarbeiten.

Engagement im Beruf und in der Politik sind daher mindestens genauso wichtig, wie die privaten Maßnahmen.

Magst Du uns eine Case-Study eines Deiner Kunden vorstellen? Welches Ergebnis hat er mit Deiner Hilfe erzielt?

Der Insektengift-Hersteller Reckhaus rettet jetzt Insekten.

Das Familienunternehmen mit 60-jähriger Tradition transfomiert seit 2012 sein Geschäftsmodell: Vom Insektentöter zum Insektenretter.

Angeregt durch die Schweizer Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin hat der Geschäftsführer Dr. Hans-Dietrich Reckhaus erstmals darüber nachgedacht: „Welchen Wert hat eigentlich eine Fliege für unsere Gesellschaft?“

Aus dem Dialog zwischen Kunst und Wirtschaft entstand Insect Respect – das Gütesiegel für einen neuen Umgang mit Insekten.

Seit 2015 begleite ich Reckhaus bei der Insect Respect Nachhaltigkeitsstrategie und Kommunikation.

Die Kernfrage war dabei: „Wie kann ein Biozid-Hersteller seinen Weg zum ökologischen Dienstleister glaubwürdig gehen und dafür Partner gewinnen?“

Wir haben Stakeholder-Dialoge organisiert, Umweltorganisationen zu runden Tischen eingeladen, den großen „Tag der Insekten“ inzwischen sechs Mal in Deutschland und der Schweiz veranstaltet.

Wir haben Bücher wie „Warum jede Fliege zählt – Über Wert und Bedrohung von Insekten“ veröffentlicht, Videos gedreht, Ausstellungen konzipiert, Messen gestaltet, insektenfreundliche Lebensräume angelegt und nachhaltigere Produkte wie z.B. Lebendfangfallen auf den Markt gebracht.

Seit 2020 gibt es auch die „Stunde der Insekten“ – ein online-Format zum Austausch aller, die nicht auf morgen warten wollen, sondern erkennen: Insekten sind extrem wichtig für das Überleben der Menschheit, aber sie gehen stark zurück (Insektensterben) – wir müssen sie fördern!

Inzwischen haben wir über 1.000 Medienbeiträge mit Insect Respect gesammelt, über 30 nationale und internationale Auszeichnungen für Innovation und Nachhaltigkeit gewonnen und erreichen mit unserer Botschaft mindestens 3,5 Millionen Kunden jährlich.

Wer mehr darüber wissen will, kann sich auf www.insect-respect.org umsehen.

Welche Person, Mentor oder welches Buch hat Dich in Deinem Leben am meisten beeinflusst?

Good Night Stories for Rebel Girls“. Wunderbare kurze inspirierende Geschichten für jedes Kind und jede Frau.

Tina Teucher: „Die Gesundheit der Erde und der Menschen ist eins.“

Tina Teucher Autorin

Foto: Manu Theobald

Wie sieht Erfolg für Dich persönlich aus und was ist Dein Weg dorthin?

Tina Teucher: Gesellschaftliche Wirkung ist mein Erfolgsindikator. Das kann, aber muss sich nicht immer über Zahlen ausdrücken.

Wenn ich einem Menschen helfe, habe ich der Welt geholfen.

Wenn Leute und Unternehmen sich durch meine Vorträge oder Gespräche mit mir inspiriert fühlen, dann aktiv mehr für Nachhaltigkeit tun und GLEICHZEITIG mehr Leichtigkeit dabei spüren, führt ihr und mein Weg in eine gute Richtung.

Was war bisher Deine größte Niederlage und wie verarbeitest du Misserfolge?

Ich verdränge sie so gut, dass ich mich grad an gar kein solches Erlebnis erinnere.

Was hilft Dir und wie motivierst Du Dich, um Deine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren?

Es gibt drei Phasen: Einatmen, ausatmen und das Dazwischen. Ich lerne ständig und extrem viel über Veranstaltungen, Weiterbildungen, Webinare, aber auch Gespräche mit Menschen in Unternehmen, Politik und Organisationen.

Diesen „Input“ sauge ich auf wie ein Schwamm, das motiviert mich – das ist meine Art von Einatmen.

Dann gibt es ein Dazwischen: Das Verdauen, ruhige Momente, meditative Tätigkeiten wie Musik, Sport, Schlaf, Kochen, Gärtnern oder Gespräche mit Freunden.

Da „arbeitet“ es in mir, Ziele verschieben sich vielleicht, aber ich verbinde mich wieder zu meiner Vision. Schließlich kommt die Zeit für den „Output“ – das Gelernte und Erkannte in eine Form zu gießen, die ich weitergeben kann, die wieder andere inspiriert.

Vor allem im Herbst erlebe ich diese Zeit des Ausatmens, weil es da besonders viele Veranstaltungen gibt, wo ich als Speakerin gefragt bin.

Was wird in den nächsten Jahren an Wichtigkeit gewinnen und was verlieren?

Tina Teucher: Was kaum einer weiß: Wir stehen am Anfang der UN-Dekade „Ecosystem Restoration“.

Die Vereinten Nationen setzen einen Schwerpunkt darauf, dass wir zwischen 2021 und 2030 möglichst viele Ökosysteme und ihre lebenswichtigen Leistungen für uns wiederherstellen.

Das wird an Wichtigkeit zunehmen: Die Aufforstung von Wäldern verschafft uns Luft zum Atmen und einen Zeitjoker bei der Klimaerhitzung.

Bio-Gärten in den Städten versorgen uns mit lokalen Nahrungsmitteln. Felder auf dem Land bekommen wieder Blühstreifen und vielfältige Strukturen.

Die Menschen begreifen mehr, wie alles zusammenhängt und dass sie Teil der Natur sind: Die Gesundheit der Erde und der Menschen ist eins. Forscher nennen diese Konzepte Planetary Health oder auch One Health.

Was weniger wichtig zu werden scheint, sind Hierarchien, langfristige Arbeitsverträge und ein eigenes Auto.

Denn das alles erinnert an starre Strukturen aus dem letzten Jahrtausend, aber die sogenannte „VUKA“-Welt verlangt uns allen mehr Flexibilität ab.

Zu welchem Themen wirst Du Dir Fachwissen aneignen und Dich weiterbilden?

Permakultur und regenerative Wirtschaft. Hierin steckt die Weisheit, die wir für das 21. Jahrhundert brauchen: Mit und nicht gegen die Natur arbeiten, Systeme in der Vielfalt ihrer Funktionen betrachten und ihnen erlauben ihre eigene Evolution zu entfalten.

Zusammenhänge verstehen und das eigene Umfeld lebensfördernd gestalten.

Wenn Du einen Tag lang an den Schalthebeln der Macht sitzen würdest, was würdest Du tun?

Für 5 Jahre eine globale, gewaltfreie Ökodiktatur einführen, damit die lange und qualvolle Form davon den nachfolgenden Generationen erspart bleibt.

Also: Mal alle gesellschaftliche und wirtschaftliche Kraft auf die Lösung von Klima-, Biodiversitäts- und Gerechtigkeitskrise konzentrieren, um sich danach wieder „in Ruhe“ anderen Themen und den schönen Seiten des Lebens zuzuwenden.

Was ist Deine Vision?

Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Man nennt sie auch SDGs – Sustainable Development Goals.

Wir können sie bis 2030 erreichen. Jeder darf mitmachen, sofern ihm was am Leben liegt.

Was ist Dein nächstes großes Ding?

Mein nächstes großes Ding ist, Menschen und Natur zusammen zu Gewinnern der Zukunft zu machen: Wir werden das enorme Potential der Wiederherstellung von Ökosystemen für Flüchtlinge aktivieren.

Wir werden das Momentum der neuen UN-Dekade „Ecosystem Restoration“ nutzen, um die Lebensbedingungen in Flüchtlingscamps durch regenerative Ansätze zu verbessern.

In der Verbindung dieser beiden Themen liegt die Chance, große ökologische und soziale Herausforderungen (die sich oft gegenseitig noch verschärfen), ganzheitlich und gemeinsam anzugehen und zu lösen.

So lassen sich Fluchtursachen bekämpfen, Menschenleben retten, Böden wieder fruchtbar machen, Klimawandel aufhalten und biologische Vielfalt erhöhen.

Jeder investierte Euro zahlt sich hier vielfach aus.

Mit welchem Themen sollten sich die Leser:innen derzeit befassen um sich persönlich weiterzuentwickeln?

Einerseits Persönlichkeitsentwicklung, also wer und wie will ich sein? (z.B. NLP = Neurolinguistic Programming).

Andererseits soziale Entwicklung, also wie will ich in der Gemeinschaft sein? (z.B. Community Building, gewaltfreie Kommunikation, Entscheidungsmethoden wie Konsent, Soziokratie, Holokratie usw.).

Denn das sind wiederum die Grundlagen, die wir dann in technologische Automatismen einbinden, wenn wir z.B. die Künstliche Intelligenz und Roboter weiterentwickeln.

Dazu sollten wir aber erstmal eine menschliche Basis legen und uns fragen: Wer will ich sein? Wie wollen wir (zusammen) sein?

Zum Schluss, welchen Rat würdest Du unseren Leser:innen mit auf den Weg geben?

Traue keinem Kalenderspruch, den Du noch nicht selbst ausgelebt hast. Drum probier ihn mal.

Innovation ist langweilig, wenn sie die Welt nicht besser macht.

Wie hat Dir das Interview mit Tina Teucher gefallen? Hast Du spezielle Fragen, die sie Dir noch beantworten soll? Zu ihrer Webseite.

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