GesundheitKolumne

Eine funktionsfähige künstliche Gebärmutter – Forscher testen Prototyp, der Frühchen das Leben retten könnte

Von einer Vielzahl an Neonröhren gleißend hell erleuchtet, erstreckt sich vor uns ein gewaltiger weißer Saal. Im Hintergrund vernehmen wir gedämpft summende und blubbernde Geräusche. Nach einigem Augenzwinkern löst sich der grelle Lichtschleier und eröffnet uns die Sicht auf tausende, dicht aneinandergereihte Inkubatoren.

In den, in alle Richtungen verkabelten, gläsernen Gefäßen treiben friedlich kleine Menschengestalten in unterschiedlichen Entwicklungsstadien.

PING! Ihr Baby ist fertig!

Klingt nach Science-Fiction für dich?

Tatsächlich ist die heutige Wissenschaft gar nicht allzu weit davon entfernt, eine Technologie zu entwickeln, die das Entstehen eines Lebewesens, von der Befruchtung bis hin zur Geburt, komplett außerhalb der Gebärmutter und des Körpers der Mutter ermöglicht.

Doch bevor wir tiefer in dieses kontroverse Thema eintauchen, ein kleiner Schwung zurück in den Bio-Unterricht:

Wie entsteht ein Kind mit „echten Menschen“?

Die warmen Körper dicht aneinander gepresst machen es sich Julia und Daniel nach dem Besuch ihres Lieblingssushi Restaurants mit einem Glas Shiraz auf der Couch gemütlich.

Ein tiefer Blick in Julias Augen und der anfangs zärtliche Kuss wird mit jedem Moment intensiver und leidenschaftlicher … was nun im Detail weiter passiert, überlasse ich an dieser Stelle deiner blühenden Fantasie!

Das wesentliche geschieht nun im Verborgenen, ganz still und heimlich:

Von Duftstoffen der wartenden Eizelle angelockt, fegen Millionen von Spermien auf dem Weg zur Gebärmutter in den Eileiter vor. Es kann nur einen geben! Dringt ein Spermium durch die Eihülle ein, wird daraufhin durch eine Reaktion jegliches Eindringen von weiteren Spermien blockiert.

Das Sieger-Spermium darf nun in Ruhe mit der Eizelle verschmelzen.

Innerhalb von 40 Wochen entsteht so neues Leben, angefangen von einer Keimzelle bis hin zum „fertigen“ Kind.

Welche Rolle spielt die Gebärmutter?

welche rolle spielt die gebärmutter

Nach der Fertilisation übernimmt die Gebärmutter die tragende Hauptrolle in der Entwicklung eines lebensfähigen Kindes.

In dem muskulösen Hohlorgan wächst das eingenistete und befruchtete Ei geschützt und optimal versorgt heran.

Die Plazenta (auch: Mutterkuchen), die sich bei Beginn einer Schwangerschaft an der Gebärmutterschleimhaut bildet, verbindet dabei den Blutkreislauf der Mutter mit der Nabelschnur des Kindes und ermöglicht somit den ständigen Austausch von Nährstoff und Sauerstoff.

Kann eine Gebärmutter transplantiert werden?

Eine Entfernung der Gebärmutter zählt zu den häufigsten gynäkologischen Operationen und verläuft meist ohne Komplikationen. Auslöser dafür können Entzündungen, Zysten oder eine Gebärmuttersenkung sein.

Es gibt aber auch Frauen (in Deutschland rund 15.000), die ganz ohne Uterus geboren werden.

Im Jahr 2016 konnte erstmals einer Frau in Deutschland eine transplantierte Gebärmutter einer lebenden Spenderin erfolgreich eingepflanzt werden. Insgesamt 21 Babys wurden auf diese Weise auf die Welt gebracht.

Dieses Verfahren ist jedoch nach wie vor sehr komplex und teuer.

Die ungewollte Kinderlosigkeit stellt für Betroffene ein hartes Los dar. Für ihren Kinderwunsch sind viele Paare dazu bereit, sich langwierigen und psychisch und finanziell belastenden Behandlungen zu unterziehen.

Welche Arten der künstlichen Befruchtung gibt es bei Kinderwunsch?

welche arten der künstlichen befruchtung gibt es

Insemination (IUI)

Mit dieser künstlichen Samenübertragung werden Spermien mittels einer Spritze oder einem weichen Katheter direkt in die Gebärmutter eingeführt.

Der Samen muss sich daraufhin selbstständig den Weg zur Keimzelle bahnen.

In-Vitro-Fertilisation (IVF)

In einem Reagenzglas werden entnommene Eizellen der Frau mit Samenzellen des Mannes in einer Nährlösung zusammengebracht.

Bei erfolgreicher Befruchtung werden die Zellen wieder zurück in die natürliche Gebärmutter transferiert.

Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI)

Unter dem Mikroskop wird mithilfe einer Pipette eine einzelne Samenzelle direkt in das Zellinnere des Keims injiziert. Hat sich die Zelle nach 2 bis 4 Tagen im Brutschrank geteilt, kann sie zurück in den Uterus der Frau übertragen werden.

Bitte beachte, dass dies eine sehr kurze und grob umrissene Information darstellt.

Die Gründe für Unfruchtbarkeit können viele Ursachen haben. Mittels einer ärztlichen Diagnose wird die geeignetste Methode ermittelt und angewendet.

Was ist eine künstliche Gebärmutter?

Nach aktuellem Stand kannst du dir eine künstliche Gebärmutter wie einen großen, mit künstlichem Fruchtwasser gefüllten Plastikbeutel, den sogenannten „Bio Bag“ vorstellen. Eine Kanüle verbindet dabei die Nabelschnur mit einer Maschine, die die Nährstoffversorgung und somit die Aufgaben einer Plazenta übernimmt.

Die Idee hinter dem künstlichen Uterus ist es, Frühgeborenen, die vor der kritischen 23. Schwangerschaftswoche geboren werden, in einer künstlichen Gebärmutter heranwachsen zu lassen, bis sie lebensfähig sind.

Die Grenze der Lebensfähigkeit bei Frühgeburten liegt derzeit bei 24 Wochen. Und auch hier leidet mehr als die Hälfte der überlebenden Kinder später an neurologischen Entwicklungsstörungen.

Wie ein Lamm die Rettung für menschliche Frühchen sein könnte

Im Jahr 2017 haben es Mediziner des Hospital of Philadelphia geschafft, Lamm Embryos in einem Entwicklungsstadium, das beim Menschen der 23. bis 24. Woche entspricht, per Kaiserschnitt dem Mutterleib zu entnehmen und 4 Wochen in einer künstlichen Gebärmutter am Leben zu halten.

Die Lämmchen begannen sogar nach 2 Wochen in dem Biobeutel zu strampeln und öffneten die Augen.

Forschende der Universität Eindhoven entwickeln und testen diese Technologie an einer, an Sensoren angeschlossenen babyähnlichen Puppe weiter und wollen bereits 2024 einen funktionsfähigen Prototypen vorstellen.

Wie weit ist die Wissenschaft inzwischen?

wie weit ist die wissenschaft

Erst 2021 gelang israelischen Forschern ein unglaublicher Meilenstein:

Sie schafften es, mit lediglich einer zuvor entnommenen Stammzelle einer Maus, künstliche Mäuse-Embryos in einem speziellen Inkubatorsystem zu züchten. Die Mäuse besaßen ein Gehirn und ein schlagendes Herz und konnten 8 Tage (entspricht einem Drittel der normalen Tragezeit) am Leben erhalten werden.

Nur noch mal zur Verdeutlichung…für diese Technologie braucht es weder eine Eizelle noch ein Spermium, nur eine Hautzelle!

Die Hoffnung der Wissenschaftler liegt darin, in Zukunft menschliche Embryos bis zur 5. Woche in solch einem System wachsen zu lassen, aus denen dann Gewebe für medizinische Behandlungen und Forschungszwecke gewonnen werden kann.

Dies könnte z. B. zur Züchtung von neuen und gesunden Organen dienen.

Der Einsatz dieser Technologie könnte jedoch noch Jahre dauern, da ein solches Verfahren in Deutschland (und in vielen anderen Ländern) durch das Embryonenschutzgesetz verboten ist.

Welche Chancen bietet die Entwicklung der künstlichen Gebärmutter und worin liegen die Gefahren?

Die folgenden Punkte stellen lediglich eine kleine Sammlung von Eventualitäten und Aspekten dar und repräsentieren nicht meine persönliche Meinung. 

Bedenken/Nachteile

  • Frauen verlieren ihr natürliches Recht auf das Gebären und die Mutterschaft
  •  Entfremdung und fehlende natürliche Bindung zum Kind, die sonst während der Schwangerschaft entstehen würde
  • Die komplette Verantwortung über den Ablauf einer gesunden Schwangerschaft wird abgegeben
  • Frage der Verfügungsgewalt über den Fötus. Gehören bei Einwilligung der Anwendung der Prozedur die Embryonen dem Staat oder der Mutter?
  • Das Embryo könnte bei „Fehlverhalten“ der Frau während der Schwangerschaft, z.B. durch Drogenkonsum, aberkannt werden
  • Das Recht auf Abtreibung könnte dadurch beschränkt werden, dass der Fötus zwar aus dem Körper entfernt, aber nicht vernichtet wird, sondern in der künstlichen Gebärmutter weiterwächst
  • Die Technologie wird vorerst nur wohlhabenden Frauen vorbehalten sein und schafft somit eine weitere gesellschaftliche Kluft

Chancen/Vorteile

  • Befreiung der natürlichen Bürde der Frau ein Kind auszutragen
  • Ermöglicht Leuten die Elternschaft, die sonst keine Chance darauf hätten, wie z.B. Transgender Paare, ältere oder unfruchtbare Frauen/Paare
  • Die aus ungewollten Schwangerschaften geretteten Föten können an Frauen ohne Uterus „weitergegeben“ werden
  • Erspart Frauen lebensbedrohliche und schmerzhafte Schwangerschaften
  • Frühgeborene können problemlos am Leben erhalten werden und zu gesunden Kindern heranreifen
  • Durch genetische Manipulation könnten Krankheiten praktisch ausradiert werden

Welche ethischen Fragen kommen auf?

  • Wie sieht die Welt wohl in 20 Jahren aus, wenn nach anfänglicher Kritik und Protesten die Akzeptanz der Bevölkerung, die die enormen Vorteile der voranschreitenden Technologie erkennt, wächst?
  • Eine Welt, in der wir keine Krankheiten fürchten müssen?
  • Wenn wir mitbestimmen können, dass unser Kind gesund und immun gegen jegliche Krankheit auf die Welt kommt und auch heranwächst, warum nicht auch das Aussehen und die Intelligenz zum positiven beeinflussen?
  • Was heißt es für die Gesellschaft, wenn eine neue, modifizierte Art von Mensch Seite an Seite mit uns aufwächst und wie ist es um die Psyche dieser Menschen bestellt?
  • Durch das natürliche Heranwachsen im Bauch der Mutter findet nicht nur ein ständiger Austausch von wichtigen Nährstoffen statt, sondern auch ein chemischer und hormoneller Dialog. Generationsübergreifende Informationen, die nicht greifbar oder wissenschaftlich messbar sind.
  • Inwiefern wird es unsere zwischenmenschlichen Beziehungen und Genderrollen beeinflussen, wenn wir uns völlig unabhängig vom Akt der Fortpflanzung reproduzieren können?
  • Diese Entwicklung ist heute schon sehr stark spürbar. Die eigene Identität steht im Mittelpunkt und befreit sich zusehends von geschlechtsspezifischen Rollen. Unsere Gesellschaft befindet sich zweifellos auf dem Weg in eine neue Ära, in der alle bekannten Konstrukte für Familie, Elternschaft, Arbeitsleben, Beziehungen und das Individuum über den Haufen geworfen und ordentlich durchgemischt werden.
  • Letztlich bleibt noch die Frage, wer über diese Technologie verfügen wird und welche Macht damit ausgeübt werden könnte?
  • Von utopischen Zuständen, in denen jeder Mensch befreit von der Angst vor Krankheit und einem frühzeitigen und qualvollen Tod ist bis hin zu einem Staat, der durch die Gentechnik fähig ist, ein totalitäres Regime mit einer reproduzierten Soldaten Armee herzustellen.

Was denkst du? Würdest du die Technologie befürworten, auch im Hinblick auf die fragliche Entwicklung?

Autoreninfo: Joanna K.

Joanna K. ist bunt bemalte Reiseenthusiast mit einem Faible für Kunst, Kultur & Kulinarik. Außerdem professionelle Tierstreichlerin und bekennende Kaffeeholikerin.

Joanna K zum Thema künstliche gebärmutter

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