Interview

Miriam Wohlfarth Geschäftsführerin und Gründerin: „Jede Dimension von Diversity ist wichtig und muss gehört werden.“

Miriam Wohlfarth, Geschäftsführerin und Gründerin des Fintech-Startups RatePAY, spricht im Interview über die Herausforderungen der Digitalbranche, die Wichtigkeit von Diversity in Unternehmen und die Vorteile von Open Banking.

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Miriam Wohlfarth im Interview

Liebe Miriam, als Geschäftsführerin und Gründerin von RatePAY und Banxware bist du eine der ersten weiblichen Fintech-Gründerinnen in Deutschland.
Erzähle uns mehr davon, wie hast du deinen Weg in diese Branche gefunden?

Miriam Wohlfarth: Auf jeden Fall über Umwege. Nach einem abgebrochenen Studium habe ich eine Ausbildung als Reiseverkehrsfrau gemacht und dann im Vertrieb für einen Reiseveranstalter gearbeitet.

Dort habe ich im Jahr 2000 durch Zufall ein Online Payment Unternehmen aus den Niederlanden kennengelernt.

Die Gründer des damaligen Start-ups (den Begriff gab es damals noch gar nicht), haben mich inspiriert und mich dazu bewegt, meinen bisherigen Beruf zu ändern. So bin ich dort eingestiegen und wurde mehr oder weniger Mädchen für alles: Vertrieb, Marketing und alles, was dazugehört.

Die Branche hat mich sehr gefesselt. 2009 habe ich dann umgesetzt, was ich bei meinen Role Models gesehen und gelernt habe und bin selbst zur Gründerin geworden.

Miriam Wohlfarth zu Digitalbranche – aktuelle Trends und Herausforderungen

Miriam Wohlfarth zu Digitalbranche
Photo: Markus C. Hurek
Wie schon vorhin erwähnt, bist du Gründerin von RatePAY. RatePAY interagiert seit 2009 in der digitalen Industrie. 
Welche Herausforderungen und Trends siehst du aktuell in der Digitalbranche? 

Miriam Wohlfarth: Ich sehe zurzeit, dass Mobility, e-Health und Fintech die größten Trends setzen und auch die größten Finanzierungen bekommen.

Man konnte leider im zweiten Halbjahr dieses Jahres beobachten, wie Finanzierungen gesunken sind. Unsicherheiten, die durch den Krieg und die Inflation entstehen, dämmen die Förderung von Innovationen ein.

Trotzdem glaube ich, dass Gründungen mit guten Teams und einem tollen Produkt immer Finanzierungen finden werden. Die Krise führt wahrscheinlich auch zu einer Korrektur von starken Überbewertungen.

Ich kann mir vorstellen, dass Investor*innen nun größeren Wert auf Profitabilität und Nachhaltigkeit legen als vorher. Ich bewerte das sehr positiv, da es zu einem gesünderen Ökosystem in der Start-up-Welt führen kann.

In Sachen Digitalisierung ist der Fachkräftemangel eine der größten Sorgen für Unternehmen.
Wie begegnest du dieser Herausforderung? Was muss die Politik deiner Meinung nach tun, um Unternehmen hier zu unterstützen?

Miriam Wohlfarth: Die Politik muss die bürokratischen Hürden für Fachkräfte aus dem Ausland deutlich reduzieren. Visa Prozesse müssen einfacher gemacht werden, wir brauchen digitalere Prozesse in englischer Sprache.

Deutschland muss ein Land werden, in dem Menschen gerne arbeiten wollen und in dem es einfach ist, sich niederzulassen.

Arbeitgeber müssen attraktiv bleiben: Englisch als Unternehmenssprache ist unverzichtbar, wenn man aus dem Ausland einstellt.

Mir persönlich ist es wichtig ein Klima zu schaffen werden, in dem sich alle wohlfühlen, wo Diversität willkommen ist, und flache Hierarchien gelebt werden.

Was denkst du, welche Veränderungen werden wir oder sollten wir in der digitalen Industrie in Zukunft sehen?

Miriam Wohlfarth: Im Allgemeinen müssen wir technologischer Denken und unsere eher negative Haltung gegenüber Veränderung ändern.

Im Spezielleren sollten wir unbedingt KI Technologien und Nachhaltigkeit viel stärker vorantreiben. KI wird uns dabei helfen, große Mengen an Daten auszuwerten und Dinge besser voraussagen und analysieren zu können.

Dazu müssen wir Daten schlau teilen und zugänglich machen. So können wir evidenzbasierte Entscheidungen treffen und Zusammenhänge besser verstehen.

Zugleich muss KI aber auch immer ethisch betrachtet werden. Die Dirigent*innen von KI müssen einen starken moralischen Kompass haben, damit die KI gute Entscheidungen treffen kann.

Aber auch Unternehmen sollten gute Entscheidungen in Bezug auf Nachhaltigkeit treffen.

Nachhaltigkeit darf nicht nur ein Thema der Elite sein, es muss ein globales Thema werden, und zwar sehr zügig.

Miriam Wohlfarth zu Finanzdienstleistung und Open Banking

Liebe Miriam, du bist Mitgründerin des Unternehmen Banxware. Was ist genau Banxware? Und welche Lösungen bietet ihr an?

Miriam Wohlfarth: Banxware ist ein Unternehmen, das einfache und transparente Online-Finanzierung in Echtzeit anbietet.

Damit bieten wir Plattformen die Möglichkeit, unsere Wachstumskapitallösung nahtlos in ihr Ökosystem zu integrieren, um die Entwicklung ihrer Geschäftskunden zu unterstützen. Dieses Geschäftsmodell nennt sich „Embedded Lending for platform customers“

Einfacher wird es anhand eines Beispiels:

Wir arbeiten mit Lieferando zusammen, die unsere Finanzierungslösung in ihrem Portal anbieten. Gastronomen, die wiederum mit Lieferando zusammenarbeiten, können so ganz easy an Liquidität kommen.

Nach positiver online Prüfung auf Basis aktueller Umsatzdaten und Kreditentscheidung in wenigen Minuten, ist das Geld meist schon am nächsten Tag auf ihrem Konto.

Sie können es dort einsetzen, wo es am meisten gebraucht wird: für Renovierungen, neues Inventar oder Marketingmaßnahmen.

Wir bedienen damit besonders Unternehmen, die von traditionellen Banken kein Geld bekommen würden, weil sie zu jung und zu klein sind. Laut einer Studie von Roland Berger aus dem letzten Jahr lassen sich etwa 29 % aller Pleiten von KMUs auf fehlende Liquidität zurückführen.

Das wollen wir mit Banxware ändern.

Wie verändert Open Banking deiner Meinung nach die Finanzdienstleistung in Deutschland?

Miriam Wohlfarth: Je nachdem wie man es definiert, könnten nach dem Baukasten-Prinzip durch offene APIs (Schnittstellen) viele neue Kooperationsansätze in der Finanzbranche entstehen.

So könnte Open Banking die Basis für bessere, an Kunden gerichtete Produkte werden.

Unser Ansatz mit Embedded Lending ist hier ein gutes Beispiel. Kund*innen können an dem Ort, der für sie die größte Relevanz hat (wie etwa eine bevorzugte Plattform), Finanzierungsprodukte erhalten, wie zum Beispiel eine Restaurant-Finanzierung von Lieferando.

Was sind die Schlüsselelemente, die Fintech weiterentwickeln muss, um die Vorteile von Open Banking voll auszuschöpfen?

Miriam Wohlfarth: Vor allem die großen, etablierten Player sollten an ihrer Systemarchitektur, Datenstrategie und Zugänglichkeit arbeiten, um so die Grundlage für eine bessere Zusammenarbeit und Konnektivität bereitzustellen.

Auch innerhalb der Regulatorik wäre es wünschenswert, vor allem auf EU Ebene Homogenität zu haben.

Miriam Wohlfarth zu Diversity

Miriam Wohlfarth zu Diversity
Photo: Markus C. Hurek
Liebe Miriam, du setzt dich öffentlich für mehr Diversity ein. Was bedeutet Diversity für dich? Und wie förderst du diese in deinem Unternehmen?

Miriam Wohlfarth: Diversität in Unternehmen ist ein klarer Erfolgsfaktor. Alle müssen gehört werden, alle Meinungen zählen. Wenn wir uns darauf limitieren, wer zu diesem Erfolg beitragen darf, limitieren wir unser Potenzial.

Bei Banxware sind wir inzwischen 60 Mitarbeitende aus 25 Nationen. Ich bin sehr stolz darauf, dass Banxware so viele unterschiedliche Herkünfte, Geschichten, Sprachen, Werdegänge und Einflüsse vereint.

Jede Dimension von Diversity ist wichtig und muss gehört werden.

Denn genau diese Vielfalt bereichert unser Unternehmen, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch menschlich.

Welche Tipps würdest du anderen Gründerinnen und Unternehmen geben?

Miriam Wohlfarth: Einfach mal machen, nicht so viel zweifeln, ganz nach Motto „What if I fall?“ Oh but my darling, What if you fly?“ Sich immer überlegen, was eigentlich die Fallhöhe ist.

Meistens ist sie gar nicht so hoch wie man denkt und man fällt nicht so tief wie man glaubt.

Studien zeigen, dass nur 7 % der Fintech-Gründer Frauen sind. Woran liegt das und wie können wir das verändern?

Miriam Wohlfarth: Die Gründerinnenquote in Deutschland ist absolut und vor allem auch im internationalen Vergleich gesehen sehr gering. Das müssen wir ändern.

Es gibt viel weniger weibliche Vorbilder im Business-Umfeld, als männliche. Das ändert sich jetzt, ein Glück, denn damit Frauen mutiger werden, braucht es Vorbilder.

Es ist wichtig, entsprechende Bilder im Kopf zu erzeugen „You can’t be what you can’t see“. In meiner Funktion als Role Model will ich zeigen, dass man normal sein, nicht superschlau sein muss, ein normales Leben führen kann und dennoch sehr erfolgreich gründen und führen.

Und zum Schluss: Welchen Rat würdest du unseren Leser/innen mit auf den Weg geben?

Miriam Wohlfarth: Wenn man sich selbst gut kennt, kann man sich auf seine Stärken fokussieren und sich auf sich selbst verlassen.

Man sollte sich von der Angst lösen, was alles passieren kann, und Dinge mit einer gesunden Portion Optimismus angehen.

Miriam Wohlfarth im Interview
Photo: Markus C. Hurek

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